Kulturgießerei Veranstaltung Wir Erben Wir_Erben

Wir Erben


Julia Friedrichs

Lesung
Sonntag 25.09.2016
Einlass: 15:00 Uhr
Start: 16:00 Uhr

Lesung von und mit Julia Friedrichs


„Es wäre ungehörig, über die Erbengesellschaft zu schweigen – und eines Tages still als satte, aber lahme Katzen und Kater auf den Sofas unserer Eltern zu hocken.“ Julia Friedrichs
Ganz gleich wie alt wir sind, ob 30, 40 oder 50 – wir werden alle Erben sein: von großen, mittleren, kleinen oder – keinen Vermögen. Irgendwann in unserem Leben kommt das Thema ERBE auf uns zu, ob wir wollen oder nicht. In der Öffentlichkeit ist das Thema eine Randerscheinung, was verwunderlich ist, denn das nächste Jahrzehnt wird eine Dekade der Erben werden. Die Nachkriegsgeneration ist dabei, ihren Besitz weiterzugeben: 250 Milliarden Euro werden Jahr für Jahr vererbt werden. 2,5 Billionen Euro in einem Jahrzehnt, wie Julia Friedrichs in ihrem Buch „Wir Erben – Was Geld mit Menschen macht“, schreibt. Das wird uns, die Gesellschaft, das Land, verändern.

Zum zweiten Mal in der Geschichte sprechen Soziologen von einer „Erbengesellschaft“…
Was bedeutet das? fragt Julia Friedrichs in ihrem Buch, in dem sie sich nicht nur damit auseinandersetzt, wer in Deutschland all die Billionen erben wird und wie Einzelne, ob nun große oder kleine, geprellte oder glückliche Erben, mit ihrem Vermögen umgehen. Sie hat nach Menschen gesucht, die über ihr ererbtes Vermögen sprechen – und hatte alle Mühe damit. In Deutschland spricht man nicht über Geld und schon gar nicht über ererbtes. Vielleicht nicht erstaunlich, denn die reichere Hälfte der Bevölkerung besitzt 99 Prozent des Vermögens, die ärmere nur 1%. Warum wird um die Sache mit dem Erbe nicht gestritten, debattiert? Bedroht der Vermögenstransfer der nächsten Jahre nicht unser Verständnis von Demokratie, unsere Grundüberzeugung, dass wer fleißig und ideenreich ist, es auch zu Wohlstand bringt?

Friedrichs Buch ist voller Fakten — Erbrecht, Parteiprogramme, europäische wie internationale statistische Vermögensvergleiche, Wirtschaftsfakten, usw. Sie spricht mit Parteivertretern über Erbschafts- und Vermögenssteuer, mit Lisa Paus, Lothar Binding, Richard Pitterle, Antje Tillmann – keiner will so richtig an das Thema ran. Aber das Eigentliche sind die Menschen hinter dem Geld, um die geht es ihr.
Wie fühlt man sich als Erbe? Julia Friedrichs hat mit Lars, 41 und Komponist, gesprochen. Er schämt sich ob seines Erbes. Auch wenn er es braucht. Für sich, die Wohnung, die Kinder. Mit Beate, einer Wissenschaftlerin, die eine halbe Millionen geerbt hat, aber nicht weiß, wie sie mit diesem Geld umgehen soll. Niemand weiß davon, sie rührt es nicht an, lebt mit Mann und Kindern in einer Mietwohnung, ist normal unter Normalen. Julia Friedrichs hat mit Unternehmern gesprochen, wie bspw. mit TRIGEMA-Chef Wolf Grupp— er wird das Unternehmen an seine Kinder vererben, die es weiterführen. Sagt Grupp. Wer unter den Familienunternehmen Kinder hat, die übernehmen wollen, kann sich glücklich schätzen. Vielen fehlt die Nachfolge. Wäre nicht schlimm, wenn nicht ca. 90 % aller Unternehmen in Deutschland in Familienbesitz wären und 55 % aller deutschen Mitarbeiter beschäftigten, die knapp die Hälfte aller Umsätze erwirtschaften. Mit Erben, die mit einem Mord leben müssen, spricht die Autorin, von Erbschleichern erzählt sie, von Philipp Neckermann, von Roger Klüh, dem Sohn des Düsseldorfer Multimillionärs Josef Klüh. Gern hätte der Sohn das Unternehmen schon längst übernommen, aber noch ist der Vater am Ruder. Also beschäftigt er sich mit — Luxusdingen. Er will den Speedboat-Weltrekord.
Und die Geprellten? Lea, Enkelin eines weltbekannten Künstlers bspw. Sie und ihre Geschwister stritten sich. Übrig blieb nur wenig. Der Traum vom Geld im Streit zerplatzt. Ganz anders Götz Werner, der DM-Gründer. Er vererbt seinen Kindern—nichts. Aus gutem Grund: sie sollen ein eigenständiges, selbstbestimmtes, selbstgestaltetes Leben führen, kein vorbestimmtes. Diese Haltung hat Werner unter den Reichen Deutschlands keine Freunde eingebracht.
Am Ende ergibt sich aus all den Menschenporträts, Faktenschilderungen, den Gesprächen mit Politikern und Wissenschaftlern, dass wir einer Entwicklung hin zur Erbengesellschaft entgegensehen müssen, die unsere Wirtschaftskraft dezimieren, unsere Demokratie aushöhlen, unsere „Leistungswerte“ nichtig machen wird. Außer – es vollzieht sich „ein radikaler Wechsel der Politik in Hinblick auf Privatvermögen und Erbschaften“, wie Thomas Piketty, der große französische Ökonom, es formuliert. Ob es dazu kommt? Julia Friedrichs ist da skeptisch.

Julia Friedrichs, geb. 1979, studierte Journalistik in Dortmund und arbeitet als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen u.a. für den WDR (die story, Aktuelle Dokumentationen) und die ZEIT. 2007 wurde sie mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Ludwig-Erhard-Förderpreis ausgezeichnet. 2010 erhielt sie den Nachwuchspreis des deutsch-französischen Journalistenpreises. 2014 war sie für den Deutschen Reporterpreis nominiert, 2014 erhielt sie den Medienpreis der Deutschen Telekom Stiftung.
Julia Friedrichs lebt in Berlin. Bisher veröffentlichte sie Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen (2008), Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht (mit Eva Müller und Boris Baumholt, 2009) und Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt (2011).


Julia Friedrichs Website